Dez 072011
 

Wie hätte man diesen Post sonst nennen sollen?

Ich habe eine Forendiskussion verfolgt, in der es um die verkauften Exemplare und die resultierenden (angenommenen) Gewinne von Jonas Winners “Berlin Gothic” Romanreihe geht, deren erste drei Bände sich in den Amazon Kindle-Charts schon seit etlichen Wochen behaupten. In der Diskussion wurden ein paar Contra-Argumente angeführt, denen ich mit Fürsprechen begegnen will.

Für mein erstes Argument muss ich ein bisschen vorgreifen: Herr Winner – sagt mein Kontrahent (im folgenden mit K. abgekürzt) in dieser Diskussion – hätte bei einem ordentlichen Publikumsverlag wahrscheinlich ein höheres Garantiehonorar bekommen, als er mit seinen eBooks erwirtschaften wird. Meine Antwort: Wenn er einen Verlag gefunden hätte – sein Buch hätte auch x-mal abgelehnt werden, vielleicht ein paar Jahre in den turmhohen Stapeln der Lektoren liegen können. Mit der Veröffentlichung auf Amazon hat er jetzt Geld.

K. rechnet: Herr Winner hat anscheinend 30.000 Exemplare der ersten drei Bände von Berlin Gothic verkauft, bei 30 Cent pro Exemplar also 9.000,- € Gewinn gemacht. Da jeder Band 600 Seiten hat, teilt K. diese Summe durch 1,5, um Vergleichbarkeit mit einem 400 Seiten starken Thriller zu schaffen, kommt also auf 6.000,- € und nennt diese Summe üblich für ein Garantiehonorar (eigentlich 7.000,-, weil er zuerst mit 35 Cent gerechnet hat, aber das ist in meinen Augen kein wesentlicher Unterschied, bzw. unterstützt sein Argument natürlich noch). Ich weiß nun nicht, ob Garantiehonorare tatsächlich abhängig von der Seitenzahl sind, aber ich vertraue K. da mal einfach. Fazit bis jetzt: Selbst publizieren bringt nicht viel mehr oder weniger Geld ein.

K. vermutet, dass sich die 30.000 Exemplare nicht gleichmässig verteilen. Er nimmt 15.000 für den ersten Band an, 10.000 für den zweiten Band, 5.000 für den dritten. Mag sein, dass die Leserzahl tatsächlich so rapide abnimmt, das vermag ich nicht zu beurteilen. Bei der weiterhin angenommenen “Stammleserschaft” von 5.000 kommt K. auf 45.000 Exemplare gesamt (weil er insgesamt sechs Bände annimmt, nicht sieben; aber das soll hier egal sein), sprich: 13.500 €. In seiner folgenden Argumentation widerspricht sich K. allerdings: Er teilt diese Summe durch 6, kommt auf klägliche 2250,- €, sein Fazit: “Das ist sicher mehr als bei manchen Kleinverlagen kriegt …, aber im Vergleich zum Publikumsverlag ist das schon ziemlich wenig.” Aber: Diese Summe müsste man noch mit zwei multiplizieren, wenn man die Seitenzahlen wieder ins Spiel bringt. Es ist dann vielleicht immer noch nicht so viel, wie man von einem Verlag bekommen kann.

ABER: Diese ganze Argumentation nimmt an, dass Herr Winner von einem Tag auf den anderen kein weiteres Exemplar mehr verkauft. Beim ersten Band steht: “58 Tage auf Platz Eins” – da ist nicht anzunehmen, dass er über Nacht wieder verschwindet.

Zumal in drei Wochen unter sehr vielen Weihnachtsbäumen E-Reader liegen werden. Einen wachsenden Markt kann man nicht sättigen.

Herr Winner hat ausserdem begonnen, seine Reihe auch bei anderen Distributoren einzustellen, u.a. im iBookstore. Selbst, wenn die nicht ganz so groß sein mögen wie Amazon: Auch da wird er wahrscheinlich reichlich verkaufen. Weil Mundpropaganda geräteübergreifend ist.

Meine Prognose ist, dass Herr Winner bis zum Erscheinen des siebten Bandes insgesamt mindestens 100.000 Exemplare der sechs Vorgänger verkauft. Das verdoppelt die angenommenen Zahlen und wirft die Argumentation von K. um, in meinen Augen. Tatsächlich gehe ich von deutlich mehr als 100.000 Verkäufen aus. Aber sagen wir mal 30.000 Euro bis Ende 2012; das wären dann schon 10.000 € pro 400 Seiten.

Und selbst, wenn die Verkäufe irgendwann einbrechen und Herr Winner konstant nur noch 200 Exemplare pro Monat verkauft: Das sind über 60 Euro. Über Jahre und Jahrzehnte ist das auch Geld. Ich bezweifle, dass im traditionellen Verlagsgeschäft ein Buch nach fünf Jahren noch soviel für den Autoren abwirft (abgesehen von echten Bestsellern); lasse mich da aber gerne eines Besseren belehren. Sagen wir 200 Verkäufe über 30 Jahre: 21.600,- €. Plus 30.000,- € macht 51.600,- €. Nicht schlecht.

Das dickste Pro-Argument für Herrn Winner ist aber: Wenn er nicht völlig verblödet ist, wird er nach dem Erscheinen des siebten Bandes eine angemessene Zeit warten und dann eine Komplettausgabe für fünf bis sieben Euro anbieten (für sieben Euro vielleicht mit Bonuskapiteln oder dergl.). Bei 4,99 € verdient er 3,08 € pro Verkauf – da braucht es vergleichsweise nicht allzuviel Verkäufe, um in fünfstellige Regionen zu gelangen. Und er kann natürlich mit einem Spruch prahlen: “Amazon Bestseller endlich als Komplettausgabe”. Nehmen wir an, er verkauft im ersten Jahr 5.000 Exemplare, das wären 15.400,- €. Erreicht er die nächsten dreissig Jahre nur 15 Verkäufe pro Monat sind das weitere 16.632 €, zusammen 32.032 €.

Insgesamt verdient Herr Winner also rund 83.600 € über dreissig Jahre. Schätzings “Limit”, ähnlich umfangreich, geht als Taschenbuch für zehn Euro weg. Bei diesem Preis und sechs Prozent Tantiemen muss man rund 140.000 Bücher verkaufen. Ist das realistisch? Ein Hardcover zu dreissig Euro und zehn Prozent Tantiemen muss rund 28.000-mal verkauft werden. Möglich? Ja. Aber selten.

 

Nachtrag: Winner berichtet in seinem Blog am 12.Januar 2012, dass die ersten vier Bände bis dahin 60.000 mal runtergeladen worden sind. Dadurch verdoppeln sich die Zahlen in den ersten Berechnungen, ofensichtlich. Meine Prognose von 100.000 Verkäufen rückt damit näher.

 

 Posted by at 20:07

 Leave a Reply

(required)

(required)

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>