Aug 232011
 

Herbert Spindler empfindet sein rechtes Bein nicht als sein eigenes. Von den Ärzten im Stich gelassen, nimmt er die Amputation in Heimwerkermanier vor. Aber die Dinge entwickeln ein unerwartetes Eigenleben…

Eine makabre Kurzgeschichte zum Thema Body-Horror, ca. 3700 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

Bevor Frau Doktor Bergmann den Mund aufmachte, hatte ihr mitleidig-skeptischer Blick das Fazit schon vorweg genommen: Sie würde Herbert Spindler das Bein nicht amputieren.
“Sehen Sie, Herr Spindler, ich bin Chirurgin und kann in Ihrem Fall keine verbindliche Diagnose stellen, aber ich vermute, bei Ihnen treffen zwei Krankheiten ganz unglücklich zusammen: Zum Einen die sogenannte BIID, Body Integritiy Identity Disorder, wie es in der Sprache der Medizin heißt – das ist das Gefühl, dass ein Körperteil nicht vorhanden sein sollte. Zum Anderen das Restless Leg Syndrome, der Drang, das Bein ständig zu bewegen.”
Herbert Spindler verspürte den Drang, Frau Doktor Bergmann mit dem Restless Fist Syndrome bekannt zu machen. Er hatte diese Diagnose so oder ähnlich schon von vierzehn anderen Ärzten gehört und war es leid, als psychisch kranker Halbdepp an Irrenärzte verwiesen zu werden. Das löste sein Problem nicht.
“Andere BIID-Kranke wollen sich von einem Körperteil befreien, weil er nicht zu dem geistigen Bild passt, das sie von Ihrem Körper haben. Aber bei Ihnen sorgt das Restless Leg dafür, dass sie Ihr Bein als fremd empfinden.”
“Als Bein eines Fremden, um es präzise zu formulieren. Wenn ich tatsächlich spinne,” – Frau Doktor Bergmann machte beschwichtigende Gesten, um Vertrauen in Herbert Spindlers geistige Gesundheit vorzutäuschen – “… wie erklären Sie sich dann die Unterschiede im Aussehen meiner Beine? Das linke ist behaart, das rechte nur sehr wenig. Links: Muskeln, Sehnen. Rechts: Weiches Fleisch. Manche Frau wäre froh, so ein schönes Bein zu haben. Oder besser: Zwei davon.”
Sarkasmus, die letzte Zuflucht des Gescheiterten, dachte Herbert Spindler, denn er wusste, dass Frau Doktor Bergmann alle Argumente weg-erklären würde, die er auf den Tisch brachte.
“Was es mit der Behaarung auf sich hat, kann ich nicht sagen…”
„Ihre Kunstpause sagt es um so deutlicher: Sie vermuten, dass ich das selber mit Rasierer oder Wachs mache, und dass ich es vielleicht nicht einmal weiß!’
“… aber die unterschiedliche Muskelausbildung resultiert wahrscheinlich aus der unterschiedlichen Beanspruchung: Sie haben kein Vertrauen in Ihr rechtes Bein, deshalb belasten Sie es auch nicht. Das linke dafür um so mehr.”
Herbert Spindler fragte sich, ob er noch weiter diskutieren sollte, aber Frau Doktor Bergmanns Ignoranz würde ihn nur wütend machen. Die Wut würde ihm kurzfristig Auftrieb geben, er würde sich im Recht fühlen, unverstanden, trotzig gegen eine feindliche Welt rebellieren. Aber was nützte das schon? Frau Doktor Bergmanns Haltung war aus Ihrer Sicht verständlich, vielleicht würde er in Ihrer Position genauso handeln.
Er hatte in den vergangenen Wochen nicht alle Ärzte in Deutschland befragt, aber mit Frau Doktor Bergmann waren es jetzt fünfzehn, die seinen Wunsch nach einer Amputation kategorisch abgelehnt hatten. Eine ausreichend große Stichprobe für die Annahme, dass er hierzulande niemanden Qualifizierten finden würde, der ihn auf medizinisch unbedenkliche Weise von dem Bein befreien würde. Westeuropa fiel wahrscheinlich komplett flach. In Schottland hatte ein Arzt vor etlichen Jahren zwei armen Schweinen geholfen, die an BIID litten und ihnen irgendwelche Gliedmaßen amputiert. Aber nachdem das bekannt worden war, schwappte eine Welle der Entrüstung durch die Welt der Weißkittel und man ließ die Leute lieber komplett. Unglücklich, aber der Norm nach vollständig.
Osteuropa? Dort würde er vielleicht jemanden finden. Aber ob der medizinische Standard seinen Ansprüchen genügen würde? Das Bild eines glasbausteinbebrillten Pferdemetzgers mit Benzin-Kettensäge blitzte durch Herbert Spindlers Kopf, er sah sich in einer schimmeligen ehemaligen Folterkammer des KGB auf einen angeblich aus Edelstahl gefertigtem, tatsächlich aber arg rostigen Tisch geschnallt; eine vollbusige Brünette in knallenger Krankenschwesternuniform – lange Beine in kurzem Rock, Schmollmund mit blutrotem Lippenstift auf den Mundschutz geschminkt – entleert eine Halbliterspritze grau-grün-violetten Blubberschleim in seinen Arm, streicht ihm über den Kopf und lallt mit Wodkafahne in sein Gesicht: ‘Wenn Du wieder aufwachst, bist Du das böse Bein los, mein armer Kleiner! Oder besser: Falls Du wieder aufwachst!’ Krankenschlampe und Pferdemetzger lachen hysterisch, die Säge heult auf und Frau Doktor Bergmann sagt:
“Geht es Ihnen nicht gut, Herr Spindler?”
“Doch, ja. Es geht mir gut. Schade, dass Sie mir nicht helfen konnten. Ich gehe dann jetzt mal. Vielen Dank für Ihre Mühe.”

*

Zweiundzwanzig Tage später war ich bestens vorbereitet, das Bein selber in die Hand zu nehmen.

 Posted by at 21:18
Jul 022011
 

Der erste Beitrag von Vanessa:

Major Grubert verfolgte jahrelang die Spur des legendären Affen. Als er ihn endlich fand, reagierte der Goldene Gorilla nicht ganz so, wie Grubert sich das vorgestellt hatte … Auf der Flucht vor dem Primaten muß der Major die haarsträubenden Hindernisse überwinden, durch die auf dem Hinweg seine Gefährten auf allerlei abscheuliche Arten umgekommen sind.

Im Stil der Abenteuer-Romane des ausgehenden 19. Jahrhunderts gehalten.

Kurzgeschichte, ca. 6900 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

An den Haken am obersten Punkt dieser vollkommen geschlossenen, hemisphärischen Kuppel war ein starkes Seil geknotet, das die Jahrhunderte offenbar unbeschadet überstanden hatte. Unsere Blicke folgten dem Seil bis zur Decke, wo es über eine Rolle in die Richtung der Säulen umgelenkt wurde. Von einem der Bögen zwischen den Säulen hing eine weitere Rolle, die das Seil wieder nach unten schickte. An diesem Ende des Seiles, kurz unter dem Säulenbogen, hing eine Kugel aus Granit, mit einem Durchmesser von etwa anderthalb Yard, ganz offensichtlich das Gegengewicht für die Kuppel, unter der der Goldene Gorilla gefangen sein musste. Manteca wies zu Recht auf die höchst sonderbare Tatsache, dass die bisherige Geschichtsschreibung noch nicht von den Futtjucken zu berichten wusste, obwohl sie doch immerhin schon den Flaschenzug kannten und daher größere architektonische Spuren hätten hinterlassen sollen.

Von der Kugel hing unten noch ein weiteres Seil hinab, daran klammerten wir uns und zogen, als ob wir zur Sonntagsmesse läuten wollten.

Die Halbkugel hob sich und tatsächlich: der Goldene Gorilla! Endlich! Ich wollte auf ihn zu stürzen, ihn berühren, aber ich musste der Versuchung widerstehen, durfte noch nicht loslassen, alleine schon um Mantecas willen, der das Gewicht alleine nicht hätte halten können und an die Decka katapultiert worden wäre. Nachdem wir es geschafft hatten, die Kugel bis auf wenige Inches über den Boden hinunter zu ziehen, befestigten wir das lose Ende des Seils an einem Haken unserer Bergsteigerausrüstung, den wir vorher in den Felsengrund getrieben hatten. Die Kuppel schwebte jetzt über dem Goldenen Gorilla, als ob eine unsichtbare Gigantin den Deckel einer Bonbonniere über der kostbarsten aller Pralinen hielt. Der Affe war enorm groß, obwohl er zusammengesackt vor sich hin dämmerte. Ich näherte mich vor Erregung zitternd vorsichtig diesem einzigartigen Zeugen der Vergangenheit und sah den riesigen Brustkorb in langsamer Bewegung an- und abschwellen.

“Er atmet, Umberto! Er lebt!”

“Das wird er Ihnen bald voraus haben, Major!”

Gute Güte, also doch! Der Verräter! Mein in hunderten Gefechten geschärfter Instinkt ließ mich hinter die nächstbeste Säule hechten, schon fiel ein Schuss und eine Kugel schwirrte hinter meinem Rücken vorbei. Manteca jagte ein weiteres Geschoss in den Pfeiler. Ich nutzte die Zehntelsekunde, die er brauchte, um erneut den Hahn seines Revolvers zu spannen, um einen schnellen Blick um die Säule zu werfen. Der Bastard hatte sich hinter der Granitkugel in Deckung gebracht.

“Nun, Major, ich schätze, Sie werden zu einem weiteren tragischen Opfer auf dieser vom Unglück verfolgten Expedition. Ihr am Boden zerstörter Diener wird alleine nach England zurückkehren müssen. Immerhin hat die treue Seele den Goldenen Gorilla dabei und man wird feststellen, dass Mantecas Abhandlung über den Affen durchaus das Niveau von Gruberts Berichten halten kann.”

Wieder schlug ein Projektil in die Säule, aber diesmal hatte er sein Lee-Metford-Gewehr abgefeuert.

“Für die Meisten wirst Du trotzdem nur ein stinkender, kleiner Emporkömmling sein, Umberto, und seit etwa einer halben Minute denke ich: zu Recht!”

Ich prüfte die Trommel meines Webley, in allen Kammern steckten Patronen.

“Mag sein, aber ich werde ein vermögender, stinkender, kleiner Emporkömmling sein. Da sie mich als Verwalter von Glastonburyshire eingesetzt haben, wird es nicht allzu schwer sein, den Rest Ihres Besitzes zu versilbern. Aber das ist nicht so wichtig. Viel schöner finde ich den Gedanken, dass Sie unwillentlich zum Steigbügelhalter meines Ruhmes werden. Für all die Jahre, in denen es umgekehrt war, wird mich das reichlich entschädigen.”

Manteca verlieh seinen Worten mit einem erneuten Schuss einigen Nachdruck. Er bemühte sich, in seiner Stimme die gelassene Überlegenheit des sicheren Siegers mitschwingen zu lassen, aber Bitterkeit und Hass verzerrten den Klang zu einem dissonanten Geräusch, das ich bei anderer Gelegenheit für Möwenkreischen gehalten hätte.

 Posted by at 20:29