Jan 302012
 

Gleich und Gleich: Der nicht ganz so glücklich verheiratete Herr Seifert trifft einen Verwandten im Geiste.

Zwillinge: Zwillinge planen einen Mord – wie werden sie das bloß mit dem Alibi machen?

Zwei Kurzgeschichten, je ca. 1800 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

Gleich & Gleich:

“Das dauert wieder!”
Herr Seifert hatte den Herrn, der neben ihm saß, nicht bemerkt, bis der diese Bemerkung fallen ließ.
“Bei Ihrer Frau auch?”
Herr Seifert sah sich verpflichtet, auf die direkte Ansprache zu antworten. Das erschien ihm ein Gebot der Höflichkeit, obwohl er sich in seiner Ruhe gestört fühlte.
“Ja, so sind sie halt …” Herr Seifert versuchte, möglichst unverbindlich zu bleiben und starrte weiterhin den Vorhang der Umkleidekabine an. Den direkten Augenkontakt vermied er lieber, um seinen Sitznachbarn nicht zu weiteren Gesprächsversuchen zu ermutigen. Aber der ignorierte, dass er ignoriert werden sollte.
“Fürchterlich! Meine hat sich vier Hosen gegriffen, jetzt wird jede einzelne anprobiert und fünf Minuten lang mit extra-kritischem Blick darauf hin untersucht, wie dick ihr Hintern damit wirkt. Ich sitze hier, verschwende zwanzig Minuten meines Lebens mit Warten, bis Madame geruhen, mich um ein Urteil zu bitten; und wenn ich dann vorsichtig zu bedenken gebe, dass das favorisierte Beinkleid unvorteilhaft aussieht, ist sie beleidigt und holt sich noch einen Schwung Hosen. Und ich darf weiter hier sitzen wie ein Idiot.”
Herr Seifert war irritiert: Er selber war eher zurückhaltend und hätte sich niemals einem Fremden gegenüber so offenbart, gar über den Gesäßumfang seiner Gattin debattiert. Obwohl: Die Problematik kannte er natürlich ebenfalls. In sechsundzwanzig Ehejahren war auch er in so manches Fettnäpfchen getreten. Aber irgendwie rauft man sich ja doch zusammen; das Geheimnis einer guten Ehe ist schließlich Kompromissbereitschaft. Herr Seifert wollte dem Fremden nicht zustimmen, weil das ja heißen würde, dass er hinter ihrem Rücken über seine Frau lästerte, aber andererseits fühlte er sich der Solidargemeinschaft der Ehemänner verpflichtet.
“Ich bin sowieso eher für Röcke …”
Der Unbekannte nahm den Ball auf: “Sagen Sie nichts mehr, ich weiß Bescheid! Sie haben das ein einziges Mal Ihrer Frau gegenüber erwähnt, aber die hat ein Mordspalaver gemacht, dass wir nicht mehr im neunzehnten Jahrhundert leben, Frauen durchaus Hosen tragen können und dass Röcke nur dazu dienen, die Rollenklischees zu festigen und so weiter – das ganze Suffragetten-Programm!”
Herr Seifert war verblüfft: Fast genau so war es tatsächlich gewesen. Es fehlte allerdings noch der spöttische Hinweis darauf, dass er wohl nicht gerade ein Fachmann für Modefragen sei, schließlich suche sie ihm schon seit etlichen Jahren die Kleidung aus – wer weiß, wie er sonst rum laufen würde.
“Ja, da gucken Sie, mein Lieber! Das ist aber keine Telepathie – das ist die universale Erfahrung gutmütiger Ehemänner!” Der Mann zwinkerte ihm über die Ränder seiner Brille zu.
Frau Seifert trat aus der Kabine.
“Was sagst Du zu der hier?”
Sie hatte eine enge, schwarze Caprihose ausgesucht, die ihre Figur betonte. Herr Seifert musste nicht zur Seite schauen, um zu wissen, dass sein Gesprächspartner mit Mühe ein breites Grinsen unterdrückte.
“Steht Dir ausgezeichnet!” log er und wusste genau, dass diese Worte sie nicht davon abhalten würden, ein weiteres halbes Dutzend Hosen über ihre Oberschenkel zu zwängen, in der Hoffnung, bei wenigstens einer davon würde der Bund ausreichend weit sein. Frau Seifert verschwand wieder in der Kabine. Der Mann hatte sich in Luft aufgelöst, wahrscheinlich war seine Frau doch schon zu einer Entscheidung gekommen und er war ihr zur Kasse gefolgt. Herr Seifert war ein bisschen empört über die Unhöflichkeit, nicht mit einem Abschiedswort bedacht worden zu sein.

 

Zwillinge:

“Manu und Dani, die sexy Zwillinge”, so hat man uns früher genannt. Und jeder, aber auch wirklich jeder, der uns zum ersten Mal sah, musste seinen Gedanken aussprechen, wie ähnlich wir uns sehen würden.
Logisch, Zwillinge eben, eineiige noch dazu.
Wobei Daniela und ich an dem “sexy” in “sexy Zwillinge” wenig schuld hatten. Gut, wir sind nicht hässlich. Wir sehen sogar ganz gut aus, wenn ich das mal sagen darf, ohne direkt als eingebildet zu gelten. Aber wir waren nie bewusst aufreizend. Und tatsächlich ist es romantischen Beziehungen eher abträglich, wenn man einen Zwilling hat.
Weil: Es heißt immer, zwischen Zwillingen bestünde ein nahezu telepathisches Band, wobei der Eine angeblich weiß, was der Andere gerade denkt und fühlt. Das liegt darin begründet, dass Zwillinge gleich alt sind, unter gleichen Umständen aufwachsen, eventuell noch die gleichen Klamotten tragen und so weiter. Wenn man die gleichen Erfahrungen sammelt, zieht man daraus die gleichen Konsequenzen, oder zumindest sehr ähnliche. Daher der Mythos.
Und dieser Mythos nervt. Die Leute gehen davon aus, dass alles, was sie meiner Schwester erzählen, mir auch sofort bekannt ist. Sie gehen davon aus, dass alle meine Meinungen mit denen von Daniela übereinstimmen müssen.
Eben deshalb sind romantische Beziehungen sehr schwierig: Jeder von Danis Freunden hatte das Gefühl, dass ich irgendwie mit im Boot wäre, dass ich größeres Vertrauen genieße, irgendwie näher an ihrem Herzen wäre, oder was auch immer man für eine schmalzige Umschreibung wählen will. Umgekehrt natürlich genauso. Klar, ich war immer ihre Anlaufstelle, wenn es mal wieder nicht geklappt hatte, aber ich habe mich nie eingemischt. Wir hatten sogar die Vereinbarung, uns nichts zu erzählen über die jeweiligen Bekanntschaften. Aber das hat nichts geholfen: Der andere Zwilling bleibt das Objekt von Eifersüchteleien.
Deshalb, als wir ungefähr Zwanzig waren, haben wir uns entschlossen, dass wir getrennte Wege gehen. Ich hatte gerade ein Angebot für einen Job im Ruhrgebiet, Dani ist nach Offenbach gezogen, wir haben beide neue Freundeskreise aufgebaut, die wir sorgfältig voneinander getrennt hielten. Das klappte großartig. Klar, wir hatten noch Kontakt, vor allem per Email. Und natürlich haben wir uns bei den Festen der Verwandtschaft getroffen, Geburtstage, Weihnachten, das Übliche.
Vor drei Jahren hat sie dann einen Mann kennen gelernt, mit dem es ernst wurde: Justin war ein gut aussehender Bursche, eigentlich ganz nett, aber er hatte etwas an sich, was mir schon auf den Fotos, die sie mir schickte, nicht gefiel. Aber ich konnte damals nicht den Finger drauf legen. Als Dani ihn dann – Weihnachten, vor zwei Jahren – zu meinen Eltern mitbrachte, wusste ich, dass sie schon die Hochzeitsglocken läuten hörte. Er aber bestätigte mein schlechtes Gefühl: Er nahm mich im Laufe des Abends beiseite und fragte mich: „Ey, Manu, was hältst Du von einem flotten Dreier? Dani, Du und ich?“. Ich war natürlich empört; er tat so, als ob das nur ein Scherz gewesen wäre und entschuldigte sich damit, dass der Alkohol aus ihm sprechen würde.

 

 

 Posted by at 19:54
Okt 212011
 

Bei der Interaktion mit Menschen hapert es ein wenig, aber Olliver hat zweihunderttausend kleine Plastikfreunde, die ihm mit dem Mädchen vom Menubringdienst helfen.

Kurzgeschichte, ca. 3300 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

Der Weg von der Bushaltestelle war nicht weit, aber es war Olliver trotzdem unangenehm, die Strecke zu laufen: Zum Einen sind dreihundert Meter in der Sommerhitze ziemlich anstrengend für jemanden, der bei einer Größe von hundertsechsundsiebzig Zentimetern hundertachtzehn untrainierte Kilogramm auf die Waage bringt, zum Anderen wusste er genau, dass seine Nachbarn hinter ihren selbstgehäkelten Gardinen auf jeden Passanten schneller reagierten als die Bewegungsmelder, die ihre Haustürleuchten einschalteten. In einer Sackgasse, die nur von Rentnern bevölkert wurde, geriet jedes Auto zur Sensation, und wenn der verrückte Sohn von der merkwürdigen Witwe am Ende der Straße wieder heimkehrte (“Ich habe gehört, er war in ärztlicher Behandlung, wenn Sie wissen, was ich meine …” – “Weil er so dick ist?” – “Nein, er ist wohl nicht ganz richtig im Kopf!” – “Ah, das habe ich schon immer geahnt!”), dann musste das eine Flut von Tratsch auslösen.
Obwohl ihm der Schweiß von der Stirn in die Augen floss und ihm die Sicht trübte, und obwohl die Reisetaschen seine Arme immer weiter in Richtung Erdmittelpunkt dehnten, stapfte Olliver ohne Halt weiter. Als er endlich die vier Waschbetonstufen zur Haustür erklommen hatte, grinste er in grimmiger Genugtuung: Er hatte den verdammten Spießern nicht gegönnt, ihn bei einer Pause zu beobachten (“Guck mal, das fette Schwein ist schon nach hundert Metern außer Atem!” – “So wie der schwitzt, ist es ein Wunder, dass sich keine Pfütze auf dem Bürgersteig bildet!”).
Olliver schloss die kupferbeschlagene Tür auf, zog seine Taschen in den Flur und atmete auf: Endlich im Kühlen, endlich raus aus dem feindlichen Gebiet. Er rief nach seiner Mutter, bekam keine Antwort. Aus dem Wohnzimmer drang aber leises Kichern, also ging er hinein.
Na, das war ja eine Überraschung: Die Minifigs hatten den Raum mit Luftschlangen geschmückt, ein Transparent aufgehängt, auf dem “Willkommen daheim!” stand und warfen Konfetti in die Luft. Einer der Dr. Kilroys (im grauen Anzug, Set 7415) war von den anderen Minifigs dazu bestimmt worden, ein paar Worte zu sprechen – sein seriöser Bart prädestinierte ihn für solche Gelegenheiten.
“Olliver,” sprach der Dr. Kilroy, “wir alle haben Dich sehr vermisst und freuen uns, dass Du wieder bei uns bist.”
Das zustimmende Gemurmel aus etwa zweihunderttausend ABS- und Makrolonkehlen bewegte Olliver sehr.

Passend dazu, zufällig gerade im Netz drüber gestolpert: Eine Zeichnung aus dem Lego-Patent

 Posted by at 17:27
Aug 232011
 

Herbert Spindler empfindet sein rechtes Bein nicht als sein eigenes. Von den Ärzten im Stich gelassen, nimmt er die Amputation in Heimwerkermanier vor. Aber die Dinge entwickeln ein unerwartetes Eigenleben…

Eine makabre Kurzgeschichte zum Thema Body-Horror, ca. 3700 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

Bevor Frau Doktor Bergmann den Mund aufmachte, hatte ihr mitleidig-skeptischer Blick das Fazit schon vorweg genommen: Sie würde Herbert Spindler das Bein nicht amputieren.
“Sehen Sie, Herr Spindler, ich bin Chirurgin und kann in Ihrem Fall keine verbindliche Diagnose stellen, aber ich vermute, bei Ihnen treffen zwei Krankheiten ganz unglücklich zusammen: Zum Einen die sogenannte BIID, Body Integritiy Identity Disorder, wie es in der Sprache der Medizin heißt – das ist das Gefühl, dass ein Körperteil nicht vorhanden sein sollte. Zum Anderen das Restless Leg Syndrome, der Drang, das Bein ständig zu bewegen.”
Herbert Spindler verspürte den Drang, Frau Doktor Bergmann mit dem Restless Fist Syndrome bekannt zu machen. Er hatte diese Diagnose so oder ähnlich schon von vierzehn anderen Ärzten gehört und war es leid, als psychisch kranker Halbdepp an Irrenärzte verwiesen zu werden. Das löste sein Problem nicht.
“Andere BIID-Kranke wollen sich von einem Körperteil befreien, weil er nicht zu dem geistigen Bild passt, das sie von Ihrem Körper haben. Aber bei Ihnen sorgt das Restless Leg dafür, dass sie Ihr Bein als fremd empfinden.”
“Als Bein eines Fremden, um es präzise zu formulieren. Wenn ich tatsächlich spinne,” – Frau Doktor Bergmann machte beschwichtigende Gesten, um Vertrauen in Herbert Spindlers geistige Gesundheit vorzutäuschen – “… wie erklären Sie sich dann die Unterschiede im Aussehen meiner Beine? Das linke ist behaart, das rechte nur sehr wenig. Links: Muskeln, Sehnen. Rechts: Weiches Fleisch. Manche Frau wäre froh, so ein schönes Bein zu haben. Oder besser: Zwei davon.”
Sarkasmus, die letzte Zuflucht des Gescheiterten, dachte Herbert Spindler, denn er wusste, dass Frau Doktor Bergmann alle Argumente weg-erklären würde, die er auf den Tisch brachte.
“Was es mit der Behaarung auf sich hat, kann ich nicht sagen…”
„Ihre Kunstpause sagt es um so deutlicher: Sie vermuten, dass ich das selber mit Rasierer oder Wachs mache, und dass ich es vielleicht nicht einmal weiß!’
“… aber die unterschiedliche Muskelausbildung resultiert wahrscheinlich aus der unterschiedlichen Beanspruchung: Sie haben kein Vertrauen in Ihr rechtes Bein, deshalb belasten Sie es auch nicht. Das linke dafür um so mehr.”
Herbert Spindler fragte sich, ob er noch weiter diskutieren sollte, aber Frau Doktor Bergmanns Ignoranz würde ihn nur wütend machen. Die Wut würde ihm kurzfristig Auftrieb geben, er würde sich im Recht fühlen, unverstanden, trotzig gegen eine feindliche Welt rebellieren. Aber was nützte das schon? Frau Doktor Bergmanns Haltung war aus Ihrer Sicht verständlich, vielleicht würde er in Ihrer Position genauso handeln.
Er hatte in den vergangenen Wochen nicht alle Ärzte in Deutschland befragt, aber mit Frau Doktor Bergmann waren es jetzt fünfzehn, die seinen Wunsch nach einer Amputation kategorisch abgelehnt hatten. Eine ausreichend große Stichprobe für die Annahme, dass er hierzulande niemanden Qualifizierten finden würde, der ihn auf medizinisch unbedenkliche Weise von dem Bein befreien würde. Westeuropa fiel wahrscheinlich komplett flach. In Schottland hatte ein Arzt vor etlichen Jahren zwei armen Schweinen geholfen, die an BIID litten und ihnen irgendwelche Gliedmaßen amputiert. Aber nachdem das bekannt worden war, schwappte eine Welle der Entrüstung durch die Welt der Weißkittel und man ließ die Leute lieber komplett. Unglücklich, aber der Norm nach vollständig.
Osteuropa? Dort würde er vielleicht jemanden finden. Aber ob der medizinische Standard seinen Ansprüchen genügen würde? Das Bild eines glasbausteinbebrillten Pferdemetzgers mit Benzin-Kettensäge blitzte durch Herbert Spindlers Kopf, er sah sich in einer schimmeligen ehemaligen Folterkammer des KGB auf einen angeblich aus Edelstahl gefertigtem, tatsächlich aber arg rostigen Tisch geschnallt; eine vollbusige Brünette in knallenger Krankenschwesternuniform – lange Beine in kurzem Rock, Schmollmund mit blutrotem Lippenstift auf den Mundschutz geschminkt – entleert eine Halbliterspritze grau-grün-violetten Blubberschleim in seinen Arm, streicht ihm über den Kopf und lallt mit Wodkafahne in sein Gesicht: ‘Wenn Du wieder aufwachst, bist Du das böse Bein los, mein armer Kleiner! Oder besser: Falls Du wieder aufwachst!’ Krankenschlampe und Pferdemetzger lachen hysterisch, die Säge heult auf und Frau Doktor Bergmann sagt:
“Geht es Ihnen nicht gut, Herr Spindler?”
“Doch, ja. Es geht mir gut. Schade, dass Sie mir nicht helfen konnten. Ich gehe dann jetzt mal. Vielen Dank für Ihre Mühe.”

*

Zweiundzwanzig Tage später war ich bestens vorbereitet, das Bein selber in die Hand zu nehmen.

 Posted by at 21:18
Jun 202011
 

Ein Makler zeigt potentiellen Mietern eine Wohnung, in der die Besitztümer des verstorbenen Vormieters offen herum liegen. Eigentlich will man ja nichts davon wissen…

Kurzgeschichte, ca. 2000 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

Habe ich Dir eigentlich erzählt, dass meine Schwiegermutter schon wieder umziehen will? Bei ihr im Haus wohnen nur Idioten, den ganzen Tag Geschrei im Hausflur, durch die Lüftung im Klo zieht der Curry-Gestank von den Indern zu ihr rauf, über ihr rennen sie wohl mit Holzschuhen auf Parkett rum und so weiter und so fort.

Jedenfalls: Letztens haben wir deshalb eine Wohnung besichtigt. Die hatte ein Makler in der Zeitung inseriert – Schwiegermutter angerufen und einen Termin ausgemacht. Ich musste mitgehen, weil ich der Handwerker in der Familie bin, bei Renovierungsbedarf muss ich ran. Du kannst Dir vorstellen, wie begeistert ich war: Schon mal gucken, wie ich mir bald abends die Zeit vertreiben würde. Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte.

Als wir dann hin gegangen sind, hat uns der Makler unten erwartet und erst mal gesagt, dass der Vormieter verstorben und die Wohnung nicht ausgeräumt ist. Und er würde demnächst einen Entrümpelungsonkel kommen lassen, und wenn wir was sehen, was uns gefällt, könnten wir das vielleicht mitnehmen. Gut, haben wir gesagt, werfen wir mal einen Blick rein, wenigstens schon mal die Aufteilung anschauen, grobe Übersicht verschaffen; wenn das alles gut aussieht, können wir ja noch mal kommen, sobald die Wohnung leer ist.

Wir also rauf, erste Etage, der Makler macht auf: Riesenflur, bestimmt drei mal drei Meter. Da stand überall ein bisschen Kram rum, staubig war es, Laminatboden, aber keine Fußleisten, so dass man die Ritzen gesehen hat. Ich denke mir, das geht ja noch.

Erst mal rechts in die Küche. Die Küchenzeile war schon abgebaut, aber meinst Du, da hat mal einer sauber gemacht? Du weißt ja, im Laufe der Jahre sammelt sich da Einiges an Dreck: der Staub, dann Fettnebel vom Braten; die Tapete war voll mit klebrigen, schwarzen Flusen. Ich meine, wenn man die Wohnung weiter vermieten will, kann man ja wenigstens mal mit einem feuchten Lappen durchgehen, oder?

 

 Posted by at 22:14
Jun 182011
 

Hauptfeldwebel Kroeger überbringt den Großeltern des Stabsgefreiten Freise traurige Nachrichten. Ein schlechter Scherz, aber die wichtigere Frage bleibt offen.

Kurzgeschichte, ca. 1800 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

“Guten Tag, ich bin Hauptfeldwebel Kroeger, sind sie Frau Freise?”

“Ja …”

“Die Großmutter des Stabsgefreiten Dirk Freise?”

“Ja – ist was mit meinem Enkel?”

“Darf ich hereinkommen?”

“Aber ja, bitte!”

Gisela Freise trat beiseite, um den Soldaten mit einer unsicheren Geste in den Flur zu lotsen. Wie immer, wenn ein Gast eintrat, entstand ein etwas peinlicher Moment, als der Besucher sich in dem engen Flur an der Dame des Hauses vorbei drängte. Weil Frau Freise, den guten Sitten entsprechend, nach dem Schließen der Türe wieder die Führung auf dem Weg ins Wohnzimmer übernehmen musste, stellte Hauptfeldwebel Kroeger sich mit dem Rücken an die unglücklich platzierte, viel zu breite Garderobe. Er stand halb in einer dichten Reihe Mäntel und Jacken, von denen zwei Drittel nur einmal im Jahr getragen wurden. Der Muff hatte sich mit dem Schweißhauch der drei oder vier täglich benutzten Kleidungsstücke vermischt. Frau Freise vermied sorgfältig, Kroeger anzusehen; sie ahnte, dass er keine guten Nachrichten brachte und wollte die schlechten nicht schon in seinen Augen ablesen.

Gisela Freise schob sich an ihrem Gast vorbei und bemerkte die intensive Ausdünstung eines Kettenrauchers, der ein paar Tage nicht geduscht hatte – ein seltsamer Kontrast zur gepflegten Erscheinung des Hauptfeldwebels. Er war etwa fünfunddreißig, überragte Gisela um zwei Köpfe und brachte deutlich über zwei Zentner auf die Waage, von denen nur wenige Kilogramm in Richtung der Gürtelschnalle gerutscht waren. Gelegentlich ertappte sie sie sich bei dem Gedanken, dass die Kameraden und Vorgesetzten ihres Enkels, die er ihr auf Fotos gezeigt hatte, eigentlich ganz menschlich aussahen, gar nicht wie Soldaten – aber Kroeger erweckte den Eindruck, er wäre schon in der Uniform geboren worden; falls in Hollywood ein Mangel an stiernackigen, kurzhaarigen, grimmig fluchenden Uniformträgern ausbräche, man würde ihn sicher anrufen; zum perfekten Klischee fehlte nur ein erloschener Zigarrenstummel in Kroegers Mundwinkel.

 Posted by at 22:08
Jun 132011
 

Jaques Nottenkemper gibt im TV seine Expertise zu verschiedenen Weinen zum Besten, aber diese Weinprobe nimmt ein herbes Ende.

Diese Geschichte basiert auf Experimenten, die im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie durchgeführt wurden und vom Aufbau – und vor Allem von den Resultaten! – her dem Geschilderten sehr ähnlich waren. Wenn Sie in den Kommentaren “Bullshit!” schreien wollen, poste ich gerne entsprechende Links – aber hier wäre es zuviel verraten …

Kurzgeschichte, ca. 1500 Wörter, 0,99 €, zu finden hier
 

“Nun, Monsieur Jaques, seien Sie doch so freundlich, uns Ihre Meinung zu diesem Wein mitzuteilen …”

Jaques, der eigentlich Joachim hieß, ließ die Flüssigkeit noch einmal über seine Zunge rollen. Normalerweise empfahl er dieses Spülwasser höchstens dazu, Urinstein aus öffentlicher Sanitärkeramik zu entfernen. Aber er musste befürchten, dass ein signifikanter Teil der Zuschauer mit genau diesem Wein zu Hause vor dem Bildschirm saß. Die durfte er nicht vor den Kopf stoßen. Unter seinesgleichen hätte er in eine Schüssel ausgespuckt. Zwischen den zweihunderttausend Möchtegern‑Gourmets, die Jörg Hultermanns Sendung verfolgten, fand sich aber bestimmt eine ältere Dame, die das widerwärtig fand und den Verfall der Sitten beklagte, oder ein Über-Emphatiker, der mit rhetorisch erhobenem Zeigefinger darauf hinwies, dass mit dem ausgespuckten Wein der Durst von einem Dutzend afrikanischer Kinder ein Tag lang hätte gestillt werden können. Also zwang Jaques Nöttenkemper (“das spricht man: -kempääähr, bitte”) seine Peristaltik, den unedlen Tropfen in den Magen zu transportieren. Er betrachtete noch einmal den Rest des Gesöffs in seinem Glas, verschloss kurz die Augen, um das bunte Logo des Supermarktes auf dem Flaschenetikett aus seinem Bewusstsein zu streichen und rang sich ein Urteil ab:

“Jörg, dieser Wein ist gar nicht so schlecht. Ein guter Start für einen Laien, der sich in die wunderbare Welt des Rebensaftes begeben will. Aber leider muss ich sagen, dass an den entscheidenden Stellen dann doch die letzte Finesse fehlt. Er ist ein bisschen der zu kurz gekommene Bruder eines anständigen Weines, ein fehlerhaftes Leichtgewicht.”

 Posted by at 22:03
Jun 072011
 

Die Tod hat ein Problem und macht Holger ein Angebot, das er nicht ausschlagen wird. Jetzt im Doppelpack mit Hauteng!

Kurzgeschichte, ca. 1000 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

Holger musste lachen: Der Tod kam als hübsches, dünnes Mädchen daher, etwa siebzehn, mit langen, schwarzen Haaren und einem tätowierten Ankh auf der Wange.

“Was hast Du erwartet? Ein drei Meter großes Skelett mit Umhang und einer Sense in der Knochenhand? Das habe ich mal vor ein paar hundert Jahren ausprobiert – wenn ich gewusst hätte, dass diese Verkörperung so übertrieben populär wird, hätte ich es lieber gelassen, das kann ich Dir sagen…”

“Ja, aber jetzt siehst Du genauso aus wie Tod in den Sandman-Comics!”

“Na und? Ist doch viel bequemer für das Auge, oder?”

Der Tod, besser: die Tod, drehte sich um die eigene Achse, als ob sie Holger den perfekten Sitz ihrer neuen Hose vorführen wollte. Sie trug eine schwarze, enge Jeans, leichte Turnschuhe, ebenfalls schwarz, und ein Tank-Top in der gleichen Farbe, durch das er erkennen konnte, dass der rechte Nippel gepierced war. Sie war wirklich schnuckelig. Nicht in dem Sinne, dass er geil wurde. Eher so wie die Teenager-Tochter fiktiver Nachbarn, aus der eine junge Frau wird, die trotz der leicht schrägen Optik ein überaus netter Mensch ist.

“Ich will ja nicht unhöflich sein, aber was willst Du von mir? Ich bin eigentlich ganz gesund, habe keinen Fisch gegessen und will heute auch nicht mehr Auto fahren oder elektrische Leitungen reparieren. Ich hatte gehofft, Dich erst in etlichen Jahren zu sehen…”

“Das geht den Meisten so. Ich bin hier, weil ich Dir mein neues Geschäftsmodell vorstellen will – interessiert?”

“Ja, lass hören!” Holger war überrascht, aber neugierig.

“Es ist ganz einfach: Du kannst wählen, ob Du heute schon sterben willst oder zu dem eigentlich vorgesehenen Termin.”

“Warum sollte ich ‘heute’ wählen?”

“Du bist dann länger tot!”

 Posted by at 21:46
Jun 052011
 

Hauteng schildert die zunehmend unangenehme Begegnung eines Genital-Kosmetikers mit einer Dame, die ihm ein Geschäftsgeheimnis entreißen will – obwohl sie in einer völlig anderen Branche arbeitet.
Schwarzhumoriger Horror.

Kurzgeschichte, ca. 1900 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

Letzten Endes war das Internet schuld: Jeder Depp kann eine billige Digital-Kamera auf einem Stativ befestigen und den Aufnahmeknopf drücken. Dann treibt er es mit seiner Freundin vor der Kamera, lädt das Video bei einem der zahllosen Porno-Portale hoch, und schon bricht wieder ein Teil des Marktes für professionelle Produktionen weg. Ich gehöre zu den Heerscharen von freiberuflichen Zuarbeitern, die zusehen mussten, wie ihnen die Felle davon schwammen. Zwar bin ich einer der Besten in meiner Branche und mein Können hatte mir ein passables Einkommen beschert, aber selbst für eine Spitzenkraft wie mich war nur noch selten ein Budget vorhanden.
Doch wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet sich eben neue Geschäftsfelder suchen. Also kaufte ich mir von meinem Ersparten für kleines Geld eine halb verwahrloste Tankstelle, hantierte ein paar Tage mit Putz und Farbe und stellte schließlich ein großes Schild auf: “Drive-in Genitalkosmetik”.
Ich hatte mir eine Stelle an der B8 gesucht, wo sie meiner Meinung nach am beachtenswertesten ist, nämlich im Taunus, ganz in der Nähe des Städtchens Glashütten. Unter der Woche kamen aus dem nahen Frankfurt die Gattinnen der Hochfinanzartisten zu mir, um sich für die Einzelstunden bei ihren Tennislehrern aufhübschen zu lassen; am Wochenende stand die Dorfjugend aus der Umgebung Schlange, um sich für den Besuch eines Scheunenfestes oder der gerade angesagten Großdisco zu rüsten; die Klischees stimmten tatsächlich. Ich hatte mehr Arbeit und weniger Geld als zu Spitzenzeiten beim Film, aber ich wollte nicht klagen, es lief recht gut… bis zu jenem Mittwochabend im letzten Februar.

 Posted by at 21:34