Jul 022011
 

Der erste Beitrag von Vanessa:

Major Grubert verfolgte jahrelang die Spur des legendären Affen. Als er ihn endlich fand, reagierte der Goldene Gorilla nicht ganz so, wie Grubert sich das vorgestellt hatte … Auf der Flucht vor dem Primaten muß der Major die haarsträubenden Hindernisse überwinden, durch die auf dem Hinweg seine Gefährten auf allerlei abscheuliche Arten umgekommen sind.

Im Stil der Abenteuer-Romane des ausgehenden 19. Jahrhunderts gehalten.

Kurzgeschichte, ca. 6900 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

An den Haken am obersten Punkt dieser vollkommen geschlossenen, hemisphärischen Kuppel war ein starkes Seil geknotet, das die Jahrhunderte offenbar unbeschadet überstanden hatte. Unsere Blicke folgten dem Seil bis zur Decke, wo es über eine Rolle in die Richtung der Säulen umgelenkt wurde. Von einem der Bögen zwischen den Säulen hing eine weitere Rolle, die das Seil wieder nach unten schickte. An diesem Ende des Seiles, kurz unter dem Säulenbogen, hing eine Kugel aus Granit, mit einem Durchmesser von etwa anderthalb Yard, ganz offensichtlich das Gegengewicht für die Kuppel, unter der der Goldene Gorilla gefangen sein musste. Manteca wies zu Recht auf die höchst sonderbare Tatsache, dass die bisherige Geschichtsschreibung noch nicht von den Futtjucken zu berichten wusste, obwohl sie doch immerhin schon den Flaschenzug kannten und daher größere architektonische Spuren hätten hinterlassen sollen.

Von der Kugel hing unten noch ein weiteres Seil hinab, daran klammerten wir uns und zogen, als ob wir zur Sonntagsmesse läuten wollten.

Die Halbkugel hob sich und tatsächlich: der Goldene Gorilla! Endlich! Ich wollte auf ihn zu stürzen, ihn berühren, aber ich musste der Versuchung widerstehen, durfte noch nicht loslassen, alleine schon um Mantecas willen, der das Gewicht alleine nicht hätte halten können und an die Decka katapultiert worden wäre. Nachdem wir es geschafft hatten, die Kugel bis auf wenige Inches über den Boden hinunter zu ziehen, befestigten wir das lose Ende des Seils an einem Haken unserer Bergsteigerausrüstung, den wir vorher in den Felsengrund getrieben hatten. Die Kuppel schwebte jetzt über dem Goldenen Gorilla, als ob eine unsichtbare Gigantin den Deckel einer Bonbonniere über der kostbarsten aller Pralinen hielt. Der Affe war enorm groß, obwohl er zusammengesackt vor sich hin dämmerte. Ich näherte mich vor Erregung zitternd vorsichtig diesem einzigartigen Zeugen der Vergangenheit und sah den riesigen Brustkorb in langsamer Bewegung an- und abschwellen.

“Er atmet, Umberto! Er lebt!”

“Das wird er Ihnen bald voraus haben, Major!”

Gute Güte, also doch! Der Verräter! Mein in hunderten Gefechten geschärfter Instinkt ließ mich hinter die nächstbeste Säule hechten, schon fiel ein Schuss und eine Kugel schwirrte hinter meinem Rücken vorbei. Manteca jagte ein weiteres Geschoss in den Pfeiler. Ich nutzte die Zehntelsekunde, die er brauchte, um erneut den Hahn seines Revolvers zu spannen, um einen schnellen Blick um die Säule zu werfen. Der Bastard hatte sich hinter der Granitkugel in Deckung gebracht.

“Nun, Major, ich schätze, Sie werden zu einem weiteren tragischen Opfer auf dieser vom Unglück verfolgten Expedition. Ihr am Boden zerstörter Diener wird alleine nach England zurückkehren müssen. Immerhin hat die treue Seele den Goldenen Gorilla dabei und man wird feststellen, dass Mantecas Abhandlung über den Affen durchaus das Niveau von Gruberts Berichten halten kann.”

Wieder schlug ein Projektil in die Säule, aber diesmal hatte er sein Lee-Metford-Gewehr abgefeuert.

“Für die Meisten wirst Du trotzdem nur ein stinkender, kleiner Emporkömmling sein, Umberto, und seit etwa einer halben Minute denke ich: zu Recht!”

Ich prüfte die Trommel meines Webley, in allen Kammern steckten Patronen.

“Mag sein, aber ich werde ein vermögender, stinkender, kleiner Emporkömmling sein. Da sie mich als Verwalter von Glastonburyshire eingesetzt haben, wird es nicht allzu schwer sein, den Rest Ihres Besitzes zu versilbern. Aber das ist nicht so wichtig. Viel schöner finde ich den Gedanken, dass Sie unwillentlich zum Steigbügelhalter meines Ruhmes werden. Für all die Jahre, in denen es umgekehrt war, wird mich das reichlich entschädigen.”

Manteca verlieh seinen Worten mit einem erneuten Schuss einigen Nachdruck. Er bemühte sich, in seiner Stimme die gelassene Überlegenheit des sicheren Siegers mitschwingen zu lassen, aber Bitterkeit und Hass verzerrten den Klang zu einem dissonanten Geräusch, das ich bei anderer Gelegenheit für Möwenkreischen gehalten hätte.

 Posted by at 20:29
Jun 202011
 

Ein Makler zeigt potentiellen Mietern eine Wohnung, in der die Besitztümer des verstorbenen Vormieters offen herum liegen. Eigentlich will man ja nichts davon wissen…

Kurzgeschichte, ca. 2000 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

Habe ich Dir eigentlich erzählt, dass meine Schwiegermutter schon wieder umziehen will? Bei ihr im Haus wohnen nur Idioten, den ganzen Tag Geschrei im Hausflur, durch die Lüftung im Klo zieht der Curry-Gestank von den Indern zu ihr rauf, über ihr rennen sie wohl mit Holzschuhen auf Parkett rum und so weiter und so fort.

Jedenfalls: Letztens haben wir deshalb eine Wohnung besichtigt. Die hatte ein Makler in der Zeitung inseriert – Schwiegermutter angerufen und einen Termin ausgemacht. Ich musste mitgehen, weil ich der Handwerker in der Familie bin, bei Renovierungsbedarf muss ich ran. Du kannst Dir vorstellen, wie begeistert ich war: Schon mal gucken, wie ich mir bald abends die Zeit vertreiben würde. Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte.

Als wir dann hin gegangen sind, hat uns der Makler unten erwartet und erst mal gesagt, dass der Vormieter verstorben und die Wohnung nicht ausgeräumt ist. Und er würde demnächst einen Entrümpelungsonkel kommen lassen, und wenn wir was sehen, was uns gefällt, könnten wir das vielleicht mitnehmen. Gut, haben wir gesagt, werfen wir mal einen Blick rein, wenigstens schon mal die Aufteilung anschauen, grobe Übersicht verschaffen; wenn das alles gut aussieht, können wir ja noch mal kommen, sobald die Wohnung leer ist.

Wir also rauf, erste Etage, der Makler macht auf: Riesenflur, bestimmt drei mal drei Meter. Da stand überall ein bisschen Kram rum, staubig war es, Laminatboden, aber keine Fußleisten, so dass man die Ritzen gesehen hat. Ich denke mir, das geht ja noch.

Erst mal rechts in die Küche. Die Küchenzeile war schon abgebaut, aber meinst Du, da hat mal einer sauber gemacht? Du weißt ja, im Laufe der Jahre sammelt sich da Einiges an Dreck: der Staub, dann Fettnebel vom Braten; die Tapete war voll mit klebrigen, schwarzen Flusen. Ich meine, wenn man die Wohnung weiter vermieten will, kann man ja wenigstens mal mit einem feuchten Lappen durchgehen, oder?

 

 Posted by at 22:14
Jun 182011
 

Hauptfeldwebel Kroeger überbringt den Großeltern des Stabsgefreiten Freise traurige Nachrichten. Ein schlechter Scherz, aber die wichtigere Frage bleibt offen.

Kurzgeschichte, ca. 1800 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

“Guten Tag, ich bin Hauptfeldwebel Kroeger, sind sie Frau Freise?”

“Ja …”

“Die Großmutter des Stabsgefreiten Dirk Freise?”

“Ja – ist was mit meinem Enkel?”

“Darf ich hereinkommen?”

“Aber ja, bitte!”

Gisela Freise trat beiseite, um den Soldaten mit einer unsicheren Geste in den Flur zu lotsen. Wie immer, wenn ein Gast eintrat, entstand ein etwas peinlicher Moment, als der Besucher sich in dem engen Flur an der Dame des Hauses vorbei drängte. Weil Frau Freise, den guten Sitten entsprechend, nach dem Schließen der Türe wieder die Führung auf dem Weg ins Wohnzimmer übernehmen musste, stellte Hauptfeldwebel Kroeger sich mit dem Rücken an die unglücklich platzierte, viel zu breite Garderobe. Er stand halb in einer dichten Reihe Mäntel und Jacken, von denen zwei Drittel nur einmal im Jahr getragen wurden. Der Muff hatte sich mit dem Schweißhauch der drei oder vier täglich benutzten Kleidungsstücke vermischt. Frau Freise vermied sorgfältig, Kroeger anzusehen; sie ahnte, dass er keine guten Nachrichten brachte und wollte die schlechten nicht schon in seinen Augen ablesen.

Gisela Freise schob sich an ihrem Gast vorbei und bemerkte die intensive Ausdünstung eines Kettenrauchers, der ein paar Tage nicht geduscht hatte – ein seltsamer Kontrast zur gepflegten Erscheinung des Hauptfeldwebels. Er war etwa fünfunddreißig, überragte Gisela um zwei Köpfe und brachte deutlich über zwei Zentner auf die Waage, von denen nur wenige Kilogramm in Richtung der Gürtelschnalle gerutscht waren. Gelegentlich ertappte sie sie sich bei dem Gedanken, dass die Kameraden und Vorgesetzten ihres Enkels, die er ihr auf Fotos gezeigt hatte, eigentlich ganz menschlich aussahen, gar nicht wie Soldaten – aber Kroeger erweckte den Eindruck, er wäre schon in der Uniform geboren worden; falls in Hollywood ein Mangel an stiernackigen, kurzhaarigen, grimmig fluchenden Uniformträgern ausbräche, man würde ihn sicher anrufen; zum perfekten Klischee fehlte nur ein erloschener Zigarrenstummel in Kroegers Mundwinkel.

 Posted by at 22:08
Jun 072011
 

Die Tod hat ein Problem und macht Holger ein Angebot, das er nicht ausschlagen wird. Jetzt im Doppelpack mit Hauteng!

Kurzgeschichte, ca. 1000 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

Holger musste lachen: Der Tod kam als hübsches, dünnes Mädchen daher, etwa siebzehn, mit langen, schwarzen Haaren und einem tätowierten Ankh auf der Wange.

“Was hast Du erwartet? Ein drei Meter großes Skelett mit Umhang und einer Sense in der Knochenhand? Das habe ich mal vor ein paar hundert Jahren ausprobiert – wenn ich gewusst hätte, dass diese Verkörperung so übertrieben populär wird, hätte ich es lieber gelassen, das kann ich Dir sagen…”

“Ja, aber jetzt siehst Du genauso aus wie Tod in den Sandman-Comics!”

“Na und? Ist doch viel bequemer für das Auge, oder?”

Der Tod, besser: die Tod, drehte sich um die eigene Achse, als ob sie Holger den perfekten Sitz ihrer neuen Hose vorführen wollte. Sie trug eine schwarze, enge Jeans, leichte Turnschuhe, ebenfalls schwarz, und ein Tank-Top in der gleichen Farbe, durch das er erkennen konnte, dass der rechte Nippel gepierced war. Sie war wirklich schnuckelig. Nicht in dem Sinne, dass er geil wurde. Eher so wie die Teenager-Tochter fiktiver Nachbarn, aus der eine junge Frau wird, die trotz der leicht schrägen Optik ein überaus netter Mensch ist.

“Ich will ja nicht unhöflich sein, aber was willst Du von mir? Ich bin eigentlich ganz gesund, habe keinen Fisch gegessen und will heute auch nicht mehr Auto fahren oder elektrische Leitungen reparieren. Ich hatte gehofft, Dich erst in etlichen Jahren zu sehen…”

“Das geht den Meisten so. Ich bin hier, weil ich Dir mein neues Geschäftsmodell vorstellen will – interessiert?”

“Ja, lass hören!” Holger war überrascht, aber neugierig.

“Es ist ganz einfach: Du kannst wählen, ob Du heute schon sterben willst oder zu dem eigentlich vorgesehenen Termin.”

“Warum sollte ich ‘heute’ wählen?”

“Du bist dann länger tot!”

 Posted by at 21:46
Jun 052011
 

Hauteng schildert die zunehmend unangenehme Begegnung eines Genital-Kosmetikers mit einer Dame, die ihm ein Geschäftsgeheimnis entreißen will – obwohl sie in einer völlig anderen Branche arbeitet.
Schwarzhumoriger Horror.

Kurzgeschichte, ca. 1900 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

Letzten Endes war das Internet schuld: Jeder Depp kann eine billige Digital-Kamera auf einem Stativ befestigen und den Aufnahmeknopf drücken. Dann treibt er es mit seiner Freundin vor der Kamera, lädt das Video bei einem der zahllosen Porno-Portale hoch, und schon bricht wieder ein Teil des Marktes für professionelle Produktionen weg. Ich gehöre zu den Heerscharen von freiberuflichen Zuarbeitern, die zusehen mussten, wie ihnen die Felle davon schwammen. Zwar bin ich einer der Besten in meiner Branche und mein Können hatte mir ein passables Einkommen beschert, aber selbst für eine Spitzenkraft wie mich war nur noch selten ein Budget vorhanden.
Doch wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet sich eben neue Geschäftsfelder suchen. Also kaufte ich mir von meinem Ersparten für kleines Geld eine halb verwahrloste Tankstelle, hantierte ein paar Tage mit Putz und Farbe und stellte schließlich ein großes Schild auf: “Drive-in Genitalkosmetik”.
Ich hatte mir eine Stelle an der B8 gesucht, wo sie meiner Meinung nach am beachtenswertesten ist, nämlich im Taunus, ganz in der Nähe des Städtchens Glashütten. Unter der Woche kamen aus dem nahen Frankfurt die Gattinnen der Hochfinanzartisten zu mir, um sich für die Einzelstunden bei ihren Tennislehrern aufhübschen zu lassen; am Wochenende stand die Dorfjugend aus der Umgebung Schlange, um sich für den Besuch eines Scheunenfestes oder der gerade angesagten Großdisco zu rüsten; die Klischees stimmten tatsächlich. Ich hatte mehr Arbeit und weniger Geld als zu Spitzenzeiten beim Film, aber ich wollte nicht klagen, es lief recht gut… bis zu jenem Mittwochabend im letzten Februar.

 Posted by at 21:34