Jun 182011
 

Hauptfeldwebel Kroeger überbringt den Großeltern des Stabsgefreiten Freise traurige Nachrichten. Ein schlechter Scherz, aber die wichtigere Frage bleibt offen.

Kurzgeschichte, ca. 1800 Wörter, 0,99 €, zu finden hier

 

“Guten Tag, ich bin Hauptfeldwebel Kroeger, sind sie Frau Freise?”

“Ja …”

“Die Großmutter des Stabsgefreiten Dirk Freise?”

“Ja – ist was mit meinem Enkel?”

“Darf ich hereinkommen?”

“Aber ja, bitte!”

Gisela Freise trat beiseite, um den Soldaten mit einer unsicheren Geste in den Flur zu lotsen. Wie immer, wenn ein Gast eintrat, entstand ein etwas peinlicher Moment, als der Besucher sich in dem engen Flur an der Dame des Hauses vorbei drängte. Weil Frau Freise, den guten Sitten entsprechend, nach dem Schließen der Türe wieder die Führung auf dem Weg ins Wohnzimmer übernehmen musste, stellte Hauptfeldwebel Kroeger sich mit dem Rücken an die unglücklich platzierte, viel zu breite Garderobe. Er stand halb in einer dichten Reihe Mäntel und Jacken, von denen zwei Drittel nur einmal im Jahr getragen wurden. Der Muff hatte sich mit dem Schweißhauch der drei oder vier täglich benutzten Kleidungsstücke vermischt. Frau Freise vermied sorgfältig, Kroeger anzusehen; sie ahnte, dass er keine guten Nachrichten brachte und wollte die schlechten nicht schon in seinen Augen ablesen.

Gisela Freise schob sich an ihrem Gast vorbei und bemerkte die intensive Ausdünstung eines Kettenrauchers, der ein paar Tage nicht geduscht hatte – ein seltsamer Kontrast zur gepflegten Erscheinung des Hauptfeldwebels. Er war etwa fünfunddreißig, überragte Gisela um zwei Köpfe und brachte deutlich über zwei Zentner auf die Waage, von denen nur wenige Kilogramm in Richtung der Gürtelschnalle gerutscht waren. Gelegentlich ertappte sie sie sich bei dem Gedanken, dass die Kameraden und Vorgesetzten ihres Enkels, die er ihr auf Fotos gezeigt hatte, eigentlich ganz menschlich aussahen, gar nicht wie Soldaten – aber Kroeger erweckte den Eindruck, er wäre schon in der Uniform geboren worden; falls in Hollywood ein Mangel an stiernackigen, kurzhaarigen, grimmig fluchenden Uniformträgern ausbräche, man würde ihn sicher anrufen; zum perfekten Klischee fehlte nur ein erloschener Zigarrenstummel in Kroegers Mundwinkel.

 Posted by at 22:08

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